Vipassana-Schweige-Retreat - Tag 1 Teil I

Roseburg liegt in Schleswig-Holstein und das Haus der Stille steht in Roseburg. Ca. 30 Minuten entfernt von Hamburg. Auf einem großen Gelände mit alten Bäumen. Ich parke mein Auto an einem Novembernachmittag auf dem kleinen Parkplatz am moosbewachsenen Jägerzaun, der eines der ältesten buddhistischen Meditationszentren in Deutschland tatsächlich seit langer Zeit zu bewachen scheint. Die goldenen Blätter der Bäume brechen die Sonne im Wind. Ich sehe kleine Seen, Bäche, Brücken, die Meditationshalle und das Haupthaus. Ich bin aufgeregt. Vor mir liegen sieben Tage Vipassana Meditation die im Schweigen durchgeführt werden. So steht es in den Teilnahmebedingungen. Viel mehr steht da nicht. Ich frage mich, ob wir gar nicht sprechen. Oder vielleicht ein bisschen. Ab und zu. Ganz leise. Insbesondere frage ich mich das in Hinblick auf mein Zimmer, das ich mir mit anderen Frauen teilen werde. Ehrlich gesagt, ist diese Vorstellung gerade meine Hauptherausforderung. In Gedanken übe ich pantomimisch danach zu fragen, ob ich das Fenster schließen kann, während ich das Haus der Stille betrete.

 

Ich schlafe im ersten Stock. In meinem Zimmer, das den Namen „Birke“ trägt, richten sich schon drei andere Frauen ein. Es ist spartanisch. Vier Betten. Ein Tisch mit Stühlen und zwei Schränke. An der Wand hängt eine Zeichnung von Birkenblättern. Ich packe meinen Koffer aus. Ich habe neun Bücher eingepackt. Nicht ganz bewusst habe ich während des Kofferpackens – wie immer in letzter Sekunde mit halbem Auge auf Mails, Telefon und letzte To Dos – Schweigen mit Nichtstun verwechselt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt eine ganze Woche am Stück „Urlaub“ gemacht habe. Jetzt, da ich die Bücher auspacken muss, schäme ich mich ein bisschen. Und dabei habe ich die Hälfte schon im Auto gelassen. Für meine Mitbewohnerinnen ist es nicht das erste Schweigeseminar und sie erzählen mir, dass empfohlen wird, gar nicht zu lesen. Ach so. Auch das Handy ist tabu. Das habe ich mir anders vorgestellt.

 

Ich richte schnell eine Abwesenheitsnotiz ein, schreibe Abschieds-SMS an meinen Mann, meine Familie und Freunde, schalte das Telefon in den Flugmodus und lege es in die Schublade meines kleinen Nachtschrankes. Das ist hart. Ich möchte es wieder in die Hand nehmen und irgendwas checken. Mails. Facebook. Instagram. Irgendwas!