Vipassana-Schweige-Retreat - Tag 1 Teil II

Beim Ankommen habe ich einen Fragebogen bekommen. Ob ich schon an einem Vipassana Retreat teilgenommen habe, wird gefragt. Ob ich Achtsamkeitsmeditation kenne. Wie meine derzeitige Praxis ist. Ich soll meine Krankheitsgeschichte beschreiben. Psychisch wie körperlich. Und Psychopharmaka während des Retreats nicht absetzen, falls ich welche nehme. Ok. Während ich mich beim Ausfüllen des Fragebogens noch etwas wundere, bekommen wir die Info, dass im Nachbarzimmer bisher nur zwei Frauen schlafen. Da ich als letzte kam und daher das Bett direkt am Eingang nehmen musste, wird mir das andere Zimmer angeboten. Schön. So ungern ich bewerten möchte, so sehr überfordert mich der geballte Bio-Feminismus-Spirit in diesem Zimmer. Alle lieb, aber für mich für den Anfang zu viel.

 

In meinem neuen Zimmer sitzt Sophie am Tisch und arbeitet an ihrem Laptop. Sie entschuldigt sich. Sie wäre krank gewesen und hätte ihre Arbeit nicht geschafft und müsste nur noch schnell was fertig machen. Herrlich. Hier fühle ich mich schon gleich viel wohler.

 

Um 18:30 Uhr gibt es Abendessen. Vorher checke ich ein allerallerallerletztes Mal mein Handy. Außerdem checke ich die Duschen. Wenn ich hier im Plural schreibe, dann ist das nicht mehr als ein Wunsch. Im Haupthaus gibt eine Dusche für die Frauen. Eine. Zusätzlich gibt es separate Waschmöglichkeiten. Ich platziere meine Kulturtasche neben denen der anderen. Meine ist gold. Eigentlich sind es zwei. Na gut, es sind drei. Aber die anderen beiden lasse ich im Schrank.

 

So. Jetzt noch ein wirklich letztes Mal mein Handy checken. Wow. Das wird nicht leicht. Aber der offizielle Beginn ist ja erst um 18:30 Uhr. Also habe ich noch zwanzig Minuten, in denen ich dem Digitalismus frönen kann. 

 

Um 18:30 Uhr wird zum ersten Mal der Gong im Flur geschlagen. Dinnertime. Das Abendessen findet in einem großen gemütlichen Raum statt. Noch wird munter geplappert. Insgesamt sind wir ca. 50 Personen. Die wenigsten davon männlich. Das Essen ist köstlich. Frisch und vegetarisch.

 

Nach einiger Zeit bekommen wir die Instruktionen für die kommenden Tage. Ab sofort herrscht Stille. Wenn wir Fragen haben zum Ablauf etc. können wir Zettelchen schreiben und auf eine Ablage unter dem Spiegel im Flur legen. Ab morgen folgt jeder Tag dem gleichen Ablauf: Um 6 Uhr stehen wir auf. Um 6:45 Uhr startet die erste Sitzmeditation in der Meditationshalle. Die Meditationen dauern immer 45 Minuten. Im Anschluss gibt es Frühstück. Danach werden Arbeiten im Haus und Garten verrichtet. Da die Arbeiten im Garten schon vergeben waren, wurde mir die Aufgabe übertragen, täglich die kleine Toilette und den Flur zu putzen. Im Anschluss an die Haus- bzw. Gartenarbeiten wechseln sich bis 20:30 Uhr Sitz- und Gehmeditationen ab. Unterbrochen wird dies nur durch das Mittag- und Abendessen. Der Tag endet mit einem einstündigen Dharma-Vortrag der Meditationslehrerin um 21:30 Uhr. Jeder Punkt des Tagesplanes wird durch drei Schläge auf den Gong eingeleitet. Ich werde ab sofort jeden Morgen den Gong zur ersten Sitzmeditation um 6:45 Uhr schlagen.

 

Nach dem Abendessen findet die erste 45-minütige Sitzmeditation in der Meditationshalle statt. In der Halle ist gedämpftes Licht. Vorne ist ein Altar mit Buddhafiguren und Kerzen. Es liegen Decken und Kissen für uns bereit. Ich suche mir einen Platz am Rand und setze mich in den Schneidersitz. Die Meditationslehrerin betritt als letzte die Halle, verbeugt sich vor dem Altar, nimmt Platz und schickt uns mit wenigen Worten in die Versenkung. Während ich mich in den ersten Minuten der Meditation noch feierlich fühle und neugierig bin auf das was kommt, drehen sich meine Gedanken bald nur noch um meine Beine. Erst schläft mein rechtes Bein ein und später mein linkes. Ich frage mich, ob ich irreversible Schäden davontragen könnte. Ich versuche meine Zehen zu bewegen, um sicherzustellen, dass es noch möglich ist. Zwischendurch versuche ich die Schmerzen auszuhalten. Ich spiele mit dem Gedanken aufzustehen, als endlich der erlösende Gong ertönt. Eins ist sicher, morgen muss ich die Sitzposition wechseln. 

 

Meditationshalle
Meditationshalle