Vipassana Retreat Tag 2 Teil I

In meiner ersten Nacht im Haus der Stille fällt mir das Schlafen trotz Oropax schwer. Beim Einschlafen habe ich, wie ich es seit einigen Jahren täglich mache, eine Hand auf mein Herz gelegt und die andere auf den Bauch. Ich habe die Energie in meinen Händen gefühlt und dann in meinem ganzen Körper. In diesen Momenten fühle ich grenzenlose Verbundenheit und die Energie in mir ist angenehm, wohlig, rein und vollkommen. Dann gibt es kein gut oder schlecht. Nur sein. Später in der Nacht wache ich aber immer wieder auf und wälze mich von links nach rechts. Es ist kalt. Meine Decke ist dünn und schon der Anblick der zusätzlichen Wolldecke löst meine Hausstauballergie aus. Außerdem schnarcht eine meiner Mitbewohnerinnen. Wieso ist dieses Geräusch eigentlich so nervtötend? Hat das irgendeinen evolutionsbiologischen Sinn?

 

Als ich aufwache, ist es dunkel. Ich gucke unter der Decke auf mein Handy, welches sich selbstverständlich im Flugmodus befindet. Es ist 5:45 Uhr. Um sechs soll uns der Gong wecken. Ob ich wohl schon früher aufstehen darf? Ich werde mir meines Bedürfnisses, keine Fehler machen zu wollen, bewusst, trotze aber dem Einklang, stehe vor dem Gong auf und gehe duschen. Ha! Dann gehe ich runter, um einen Kaffee vor der ersten Meditation zu trinken. Eine der Frauen aus meinem Zimmer hat mir den Tipp gegeben. Sie sagte, dass es anstrengend für den Kreislauf sein kann, vor dem Frühstück zu meditieren. Sie wäre schon mal umgekippt. Ich denke zwar nicht, dass mir das passieren wird, trinke aber trotzdem Kaffee, weil ich Kaffee liebe.

 

Während ich dasitze, in dem Gemeinschaftsraum, beobachte ich wie nach und nach einige andere sehr langsam und bedacht die Treppen runter kommen. Alles ist ganz leise. Mein Kopf denkt. Ans Handy. Welcher Tag ist heute? Schläft mein Bein gleich wieder ein? Was werde ich machen, wenn ich wieder in Hamburg bin? Mein Bauch tut weh. Meine Nase kribbelt. Wie viele Milben wohl in der Wolldecke wohnen? Dann ist es Zeit für mich, den Gong zu schlagen. Dreimal. Die, die noch im Gemeinschaftsraum sitzen, stehen lautlos auf, um sich ihre Mäntel, Mützen und Stiefel anzuziehen und zur Meditationshalle zu gehen.