Vipassana Retreat Tag 2 Teil II

45 Minuten Sitzmeditation

 

Dieses Mal nehme ich mir zwei Meditationskissen, sodass ich in einem erhöhten Fersensitz sitze. Die Meditationslehrerin betritt erneut als letzte Person die Meditationshalle, die in der Dunkelheit des frühen Tages durch gedimmtes Licht und Kerzenschein beleuchtet ist. Der Gong ertönt und wir gehen in die Versenkung. Meine Gedanken bestimmen meine Gefühle. Was ist, wenn mein Magen knurrt? Ein Mann, der vor mir sitzt pupst. Ausgiebig. Könnten die anderen denken, dass ich das war? Hallo Anpassungsbedürfnis! Ob sich die Energie, die ich gestern beim Einschlafen hatte, auch während der Sitzmeditation zeigt? Ich konzentriere mich auf meine Atmung. Ich sitze ganz aufrecht. Das Kinn leicht zurückgezogen. Es dauert nicht lang und die Energie kommt. Wie Glitzertau. Frisch und pur und klar und verbindend.

 

Ich stelle mir vor, ein paar wenige von uns wären erleuchtet und ich gehörte dazu. Die Lehrerin würde es sehen, weil ein Licht von mir ausgehen würde. Hallo Anerkennungsbedürfnis! Ich schmunzle über mich selbst und lasse die Vorstellung gehen.

 

Später am Tag habe ich mit einigen anderen zusammen ein Gruppengespräch. Eine von zwei Gelegenheiten in dieser Woche, sprechen zu dürfen. Während des einstündigen Gesprächs haben wir die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Noch begeistert von der Energie, berichte ich von meinen Erfahrungen. Die Lehrerin wird streng und sagt, dass das nur Phänomene seien und dass Phänomene nicht unser Ziel sind. Was dann unser Ziel sei, frage ich. Freiheit im Geist, antwortet sie. Ich stelle fest, dass ich mich erstaunlich frei fühle. Mir fehlt gerade (fast) nichts. Weder mein Handy, noch Alkohol, Netflix oder Schokolade. Nicht mal das Sprechen fehlt mir. Ich genieße es sogar, nicht zu sprechen. Das einzige, was schön wäre, ist Bewegung. Bei einer weiteren Sitzmeditation am Nachmittag fantasiert mein Geist von Yoga und Sit-Ups. Vielleicht kommt jetzt das was ich wirklich brauche in meinen Geist. Vielleicht kommt Wahrheit. Ich fühle mich, als käme ich langsam ganz zu mir. Jetzt bin ich bereit, die alten Tapeten im Keller meiner Seele abzureißen. Ich bin bereit, auf was Hässliches zu stoßen. Stattdessen erscheint vor meinem inneren Auge eine Katze mit Zylinder. Ok. Wenn ich eine Katze mit Zylinder sehe, dann sehe ich eine Katze mit Zylinder. Ich bleibe aufmerksam. Aber die letzte Gehmeditation des Tages schenke ich mir. Ich bin sehr müde und möchte schlafen.

  

Ich gehe mit der Intention ins Bett, in Buddhas Schriften zu lesen und meinem Mann eine SMS zu schreiben. Beides tue ich nicht. Ich möchte mich an die Regeln halten und meinen Geist von nichts abhalten oder ihn belagern. Noch ist die Stimmung Bombe. Alles ist erleuchtet. So wie von sehr vielen sehr kleinen Lichterketten.